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Sri Chinmoy -HINTERGRUND

 

von Walter Dreher

Der Beitrag „Sri Chinmoy – Die Kraft von innen“ in der Oktober-Ausgabe des „karate budo journal“ war für mich Anlaß, dem nichtinformierten Budosportler/Kampfkünstler ergänzendes und kritisches Infomaterial zu liefern.

Mit dem jetzt veröffentlichten Artikel hat er einen Fuß in die Kampfkunst-/Kampfsportszene gesetzt! Seine Anhänger versorgen die Redaktion seit geraumer Zeit reichlich mit Material. Die eigene Sache wird außerordentlich gut verkauft. Der letzte Satz des veröffentlichten Beitrages (Autor ist Lincoln Polissar aus Seattle/Washington/USA) lautete wörtlich: „Für viele Kampfsportler ist das Geistige, Spirituelle ein zentraler Punkt, während es für andere eher eine Randerscheinung ist. Vielleicht wird „Sri Chinmoys historischer 7 000-Pfund-Lift“ einige Sportler für die Meditation interessieren – die Quelle unbegrenzter Energie.“

Ein Beitrag von Walter Dreher.

Selbstverständlich gehören Geist und Materie zusammen, und das Geistige ist bei vielen Kampfkünstlern/Kampfsportlern ein zentraler Punkt. Die Erkenntnis, dass Meditation auch in den Kampfkünsten zum Ziel führen kann, ist wirklich nicht neu. Ich möchte nur die Frage stellen, um welchen Preis dies bei der von Sri Chinmoy angebotenen Meditation geschehen soll?

Meditation bedarf immer wieder der Reflektion und Anleitung, um negative psychische Wirkungen früh genug erkennen und korrigieren zu können. Die Betreuung, wie sie von Sri Chinmoy angeboten wird, führt leider allmählich immer tiefer in die Sekte, ihre Lehren und in die Abhängigkeit hinein. Deshalb wehret den Anfängen! Dieser Mann ist gefährlich! Ich beobachte die Arbeit der Sekte seit Anfang der 80er Jahre.

Seit 1980 hat die Bewegung ein gezieltes und engagiertes Sendungsbewusstsein in der BRD entfaltet. Ausgangspunkt war Bonn. Bevorzugtes Betätigungsfeld sind neuerdings Universitäten und Oberschulen (letzte Klasse und Erstsemester). Ausgenutzt wird die „Bruchsituation“ in der letzten Klasse und die Orientierungslosigkeit im Erstsemester nach der Schulzeit, d. h. wenn sich die jungen Leute auf der Suche nach Halt und Geborgenheit inmitten der anonymen Massenuniversität befinden. Desweiteren geht die Werbung häufig von Vorträgen, Meditationseinführungen, Lauftrainings, vegetarischen Restaurants, Bioläden, Sportläden und Blumenläden aus, die von Chinmoy-Anhängern geführt werden. In der BRD gibt es ca. 20 Zentren.

Gründer und Führer

Sri Chinmoy wurde 1931 in Bengalen, Indien, geboren. Im Alter von 12 Jahren trat er in ein Ashram (spirituelle Lebensgemeinschaft) ein, wo er die nächsten 20 Jahre in intensiver Meditation verbrachte. Hier erreichte er nach eigenen Angaben einen Grad der Erleuchtung, den man in Indien unter dem Namen „Nirvikalpa Samadhi“ kennt. Der „erleuchtete Guru“ verbreitet seit 1964 seine Lehre in den USA, ausgehend von New York. Dargestellt wird er gewöhnlich als mit vielen Sidhis ausgestattet. Sidhis sind außergewöhnliche, übernatürliche Kräfte, die auf die Göttlichkeit ihres Trägers verweisen. So gestaltete er nach eigenen Angaben 180 000 Acryl-Bilder in wenigen Monaten, schrieb über 400 Bücher und gilt als begnadeter Musiker und außergewöhnlicher Langstreckenläufer und Gewichtheber. Diese enorme Kreativität ist nach seinen eigenen Angaben Ausfluss des Einsseins mit dem Daseinsgrund. Nachdem einige Friedenskonzepte mit „meditativer Musik“ zum Reinfall wurden (u. a. Köln 1984), hat sich die Gruppe 1986 auf das einzige Konzert  in der Grugahalle konzentriert.

Lehre und Ziele der Sri Chinmoy-Bewegung

Bei Aktionen der Bewegung wird die „Meditation“ zunächst als Entspannungübung/Entspannungstechnik vorgestellt, jeder Bezug zum Hinduismus zunächst bestritten. Statt dessen wird Meditation hermeneutisch an Schlagworte der alterno-psycho-spirituellen Szene angebunden. Bei näherem Hinschauen ist die Sri Chinmoy-Bewegung aber nachweislich ein Teil der hinduistischen Neo-Vedanta-Bewegung, die sich erstmalig in der von Swami vivekananda gegründeten Ramakrishna-Mission darstellte. Der hinduistische Neo-Vedanta prägt seit dem Chicagoer Religions-Kongress von 1890 wesentlich die westlichen Vorstellungen vom Hinduismus, Kernstück dieser Botschaft ist die Einheit der Religionen, wobei Jesus als erleuchteter Meister auf einer Stufe mit Krischna oder Buddha stehe und in der Sri Chinmoy-Bewegung auch mit Sri Chinmoy.

Einführungskurse in die Technik der Meditation sehen so aus, dass zunächst der Meditationssitz geübt wird. Danach (d.h. am nächsten Tag) wird auf eine Blume, am nächsten Tag auf eine Kerze und am letzten Tag auf das Bild des Meisters Sri Chinmoy hin meditiert. Die Meditation findet ihren Höhepunkt und ihre Vollendung, wenn der Meditierende seinen Körper verlässt und angeblich mit dem Göttlichen eins wird. Hierbei spielt der äußere Meister, Sri Chinmoy, auch die Rolle des inneren Meisters, d.h. er ist derjenige, der dem Meditierenden in der Meditation erscheint und ihn führt, weswegen auf das Bild des Meisters meditiert wird. Sri Chinmoy empfiehlt auch seinen Namen als Mantra für die Meditation. Ferner empfiehlt er englische Worte wie „God“ oder „Supreme“ in Verbindung mit der Meditation auf sein Bild. Jetzt wird, glaube ich, dem letzten Zweifler klar, welche Gefahren hier für den Meditierenden lauern. Sie „verinnerlichen“ ihren Meister. Über Augen und Ohren, durch Bild und Klang, dringt er in ihr Innerstes ein und wird Teil ihrer Persönlichkeit. Seinen Anhängern wird empfohlen, sich vor allem am frühen Morgen vor 6.30 Uhr der Meditation zu widmen, genau zu der Zeit, wenn er selbst sich auf sie konzentriert. Es handelt sich um eine fast okkulte Verbindung!

Sri Chinmoy verlangt absoluten Gehorsam und totale Hingabe. Man will den ganzen Menschen (Bhaktifrömmigkeit). Einige Zitate mögen dies verdeutlichen: „Von nun an will ich, dass ihr jede Bitte von mir als einen göttlichen Befehl auffasst!“ – „Wenn ihr mir offenen Ungehorsam entgegenbringt, geht ihr auf die Seite des Feindes!“ – „Seid mir gegenüber nie ungehorsam, besonders wenn es um euer emotionales und vitales Leben geht, denn das wäre eure sofortige Zerstörung!“

Auffallend ist die fortschreitende Persönlichkeitsveränderung der Anhänger! In ihren Äußerungen werden sie zunehmend naiver und in ihrer Lebensführung unselbständiger. Sie wirken geistig desinteressiert und völlig in sich gekehrt. Die Veränderungen werden offenbar verursacht durch exzessive Meditation (mehrmals täglich intensive Meditation vor dem Bild des Meisters). Durch physische Erschöpfung aufgrund von langem intensiven Lauftraining bis zur Leistungsgrenze und durch die völlige Beanspruchung innerhalb der Gruppe. Hinzu kommt eine ausschließlich vegetarische Ernährung. Nichts gegen diese Ernährungsform, aber im Zusammenhang mit häufigem Marathonlauf und der damit verbundenen körperlichen Erschöpfung muss man bedenken, welche Auswirkungen all dieser Faktoren auf die psychische Manipulierbarkeit der Betroffenen haben kann.

Wege und Methoden

Sri Chinmoys Meditation umfasst neben dem Bhakti-Yoga, dem Weg der liebenden Hingabe an das Göttliche und an den Guru, auch den Kundalini-Yoga, eine tantrische Meditationstechnik, die dazu dient, die niederen sexuellen Kräfte in höhere geistige Kräfte zu verwandeln. Darum empfiehlt er sexuelle Enthaltsamkeit, vorzugsweise die Ehelosigkeit, oder zumindest zeitweilige sexuelle Enthaltsamkeit in der Ehe. Er steht also ganz in der Tradition von Sri Aurobindo. Sri Chinmoy hielt sich ja lande Zeit im Aurobindo-Ashram in Pondicherry auf. Auch der von ihm empfohlene Lauf (Langlauf) ist offensichtlich eine Art Yoga mit dem Ziel, das normale Alltagsbewusstsein zu sprengen. Alles das wirkt offenbar attraktiv auf Menschen, die das Bedürfnis empfinden, sich etwas Größerem hinzugeben, die Grenzen des eigenen Ichs zu sprengen und es in der umfassenden Einheit des Universums aufgehen zu lassen. Dann wird die Hingabe an den Meister, die Unterwerfung unter seinem Willen und sogar das Arbeiten und Opfern für ihn als eine Gnade empfunden. Manche mögen auch hoffen, ihre künstlerische Kreativität auf diese Weise zu steigern. Ebenso kann sich damit das Experimentieren mit alternativen Lebensmodellen verbunden. Berichte besagen, dass folgende Gefahren auf den Anhänger Sri Chinmoys zukommen können: durch die Meditationspraxis entstehen Außenwelts- und Wilklichkeitsverlust, materielle Ausnutzung durch Bhaktifrömmigkeit, totalitaristische Ausnutzung der Askese, mangelnde Verarbeitung der Meditationserlebnisse, die als Erlebnisse mit dem Unter- und Unbewussten, dem Individuellen wie Kollektiven zu interpretieren sind. Psychische Schädigungen sind bei Sri Chinmoys Yoga nicht auszuschließen, wenn eine entsprechende neurotische oder psychotische Disposition vorliegt.

Die Zugehörigkeit zu Sri Chinmoy bewirkt tiefgreifenden Veränderungen bis in das alltägliche Leben hinein – wie immer man das auch bewerten mag! Die Meditations- und Konzentrationsübungen, die kultische Verehrung des Meisters, die vegetarische Kost, die sexuelle Enthaltsamkeit, die unentgeltliche Arbeit in den geschäftlichen Unternehmungen („Divine Enterprise“), schließlich auch die regelmäßigen Reisen zum Züricher und New Yorker Zentrum, bedeutet einen tiefen Bruch mit alten Gewohnheiten eines verweltlichen Lebensstils und die Entwicklung eines religiösen Lebensvollzugs, der in allen Einzelheiten um den Meister, seine Gestalt und seine Vorschriften kreist. Eine normale Berufs- und Ausbildungstätigkeit ist damit sicherlich nicht zu vereinbaren. Ehemalige berichten, ihre Unternehmensvermögen und ihre Entscheidungsfreiheit seien eingeschränkt worden: vor allem seien sie angehalten worden, ihre Ausbildung abzubrechen!

Erschwerend wirkt die mit der neuen religiöser Bindung einhergehende kulturelle Entfremdung. Schon ein radikaler christlicher Lebensvollzug kann im verweltlichten Westen auf Unverständnis stoßen. Sri Chinmoys Vorstellungen über Meditation und Guru-Verehrung über Karma und Wiederverkörperung (Seelenwanderung), über Sexualität und Ehe, über die Stellung der Frau und das Kastensystem sind aber durch und durch hinduistisch geprägt. Die hinduistische Lehre, Praxis und soziologische Struktur der Gruppe um Sri Chinmoy führt die Anhänger taktisch auf den Weg zu einer hinduistisch geprägten Spiritualität und Lebenspraxis.

Sollte zu diesem Beitrag noch weitergehende Fragen offen sein, so ist der Verfasser gerne bereit, diese über die Redaktion zu beantworten.

Zum Autor

Geboren 1947 in Essen, Ausbildung zum Außenhandelskaufmann, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Duisburg, Sprachenstudium Englisch und Französisch. Heute tätig als Übersetzer in den Bereichen Technik, Wirtschaft, Philosophie, Physik und Medizin.

Seit mehr als 20 Jahren widmet sich Walter Dreher religiösen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragestellungen und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit den Kampfkünsten, hier im besonderen mit Kung-Fu (Ving Tsun/Wing Chun/Wing Tsun/Ving Chun).

 

Quelle: Unverändert aus dem „Karate Budo Journal“ Nr. 1/88

 

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