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Als den Russen Hörner wuchsen

 

Unter dem Titel "Die Hörner von Ulan-Ude" berichtet Uwe Klussmann im SPIEGEL 4/2000 über eine sagenhafte Geschichte, die von der BILD-Zeitung am 17.1. 2000 verbreitet worden war: Aufgrund eines Gen-Defekts würden bei Burjaten "am sibirischen Baikalsee beheimatet- Missbildungen beobachtet. Der BILD-Zeitungsartikel wiederum fußte auf Berichten aus der in Ulan-Ude ansässigen Boulevardzeitung Nummer eins. Dort war das Foto eines Mannes abgebildet worden, "über dessen linkem Ohr fingerkuppengroß ein Horn aus dem Haupthaar ragt".  Der Artikel war betitelt mit "In Ulan-Ude lebt ein gehörnter Mensch". Die BILD- Zeitschrift, wahrlich keine Freundin der Untertreibung, titelte entsprechend "Gen-Defekt- Russen wachsen Hörner". Der abgebildete Mann litt, so hieß es, seit "zwei Jahren an zwei fünf Zentimeter langen Wucherungen auf dem Kopf".

Uwe Klussmann begann mit seinen Recherchen. Die zuständige Leiterin des Genetischen Instituts wusste von nichts. Sie erfuhr davon erst aus Deutschland und wünschte sehr, diesen Mann zu sehen. Neugierig geworden, besuchte Klussmann die zuständige Redaktion. Das Blättchen stellte sich als eines von vielen heraus, die nach dem Verschwinden der bisherigen Parteiblätter aus dem Boden gestampft worden waren, mit einer Redaktion von " vier jungen Damen" in einem "bescheidenen Einzimmerbüro". Beliebte weitere Themen: Ufos und unglaubliche neue Hormonpräparate zur Förderung der ehelichen Treue. Die Autorin des Hörnerartikels bedauerte, dass der Gehörnte anonym zu bleiben wünschte. Er litte auch eher an "Beulen" als an Hörnern. Das Foto sei eine Fotomontage: "Zeitungen wollen eben leben, zumal in dieser Zeit". BILD hatte nicht nur schlecht abgeschrieben, sondern viele Details weiter frei ausgeschmückt; hatte auch den Ort einfach an den Baikalsee verlegt, von dem er doch 100 Kilometer entfernt ist. Damit war es BILD möglich, die bekannten Umweltprobleme am Baikalsee mit dem erfundenen Phänomen zu verbinden und daraus auf "Gendefekte" "der Russen" zu schließen.  Gehörnt waren also die westlichen Leser eines Blattes, das Erfundenes mit Phantasiertem verquickt und die Melange als ins Klischee passendes Substrat verkauft.

Quelle: http://www.egoisten.de

 

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