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Die
Vielseitigkeit der Übungen und Trainingsmethodiken, die es im Systema
gibt, lässt vermuten, dass ihre Anwendung im Alltag eines Menschen genauso
vielseitig sein kann. Diese Vermutung ist absolut richtig. Im folgenden
Artikel möchte ich dies mit einigen Beispielen erklären.
Fangen wir doch
mit dem einfachsten und zugleich schwierigsten Bereich an – der Atmung. Wir
alle wissen, dass wir ohne Luft nicht leben könnten. Also hängt unsere
Gesundheit und damit unser Leben davon ab, wie wir atmen. Idealerweise
sollte man ununterbrochen atmen. Tun wir dies? Leider nicht. Und das kann
man sehr leicht zeigen. Was tun wir, wenn wir gerade aus dem Bett steigen?
Wir halten die Luft an! Was tun wir, wenn wir gerade eine schwere Kiste
heben? Wir halten die Luft an! Was tun wir, wenn wir uns gerade an etwas
erinnern, was wir vorher vergessen hatten? Wir halten die Luft an! Was tun
wir, wenn wir uns plötzlich erschrecken? Wir halten schon wieder die Luft
an! Diese Reihe kann man unendlich lang fortsetzen. Man sieht, dass äußere
Einflüsse, unser Alltag eine enorme Wirkung auf unsere Atemgewohnheiten
ausüben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir unsere Umgebung dadurch
beeinflussen können, wenn wir es schaffen, immer gleichmäßig, fließend und
vor allem ununterbrochen zu atmen.
Man ist aus
irgendeinem Grund gereizt, genervt, wütend. Der Puls rast, das Herz klopft,
der Blutdruck steigt, die Hände zittern. Wer kennt diesen Zustand nicht?
Passt die Atmung der körperlichen und psychischen Belastung an, um den
Zustand richtig zu fühlen. Atmet kurz, schnell, intensiv. Zusammen mit dem
Herzschlag. Und jetzt fangt an, immer langsamer und ruhiger zu atmen. Macht
die Atemzüge immer länger. Man kann das Ganze noch durch eine körperliche
Übung, z.B. Laufen (dann kann man einfach immer mehr Schritte pro Atemzug
machen), unterstützen. Dadurch erreicht Ihr einen Zustand, in dem Euere
Atmung den Puls, den Herzschlag, die Körpertemperatur, der Blutdruck und die
Psyche kontrolliert werde.
Ein
aufgeregter, aufgebrachter Mensch steht gerade vor uns. Er ist wütend, er
schreit uns an, droht, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und uns
körperlich anzugreifen. Zugegeben, eine äußerst unangenehme Situation. Fangt
seine Atmung. Fangt klar und deutlich seinen Atemrhythmus und passt Euere
Atmung unmissverständlich ihm an. Erreicht einen Zustand, in dem Euer
Gegenüber sich mit Euch identifiziert. Sobald seine und Euere Atmungen zu
einer gemeinsamen Atmung verschmolzen sind, fangt an, immer langsamer und
ruhiger zu atmen. Euer Opponent wird keine andere Wahl haben, als Euerer
Atmung zu folgen. Er wird langsamer und ruhiger atmen und sich selbst
dadurch beruhigen, ohne es bewusst wahr zu nehme.
Jeder Mensch
sucht bei Gefahr und Angstzuständen die Nähe eines anderen Menschen, um das
Gefühl der Geborgenheit zu bekommen. Dabei greift man oft die Hand dieses
Menschen, man fühlt sich nach kurzer Zeit besser, ruhiger, entspannter und
sicherer, als zuvor. Dieses Phänomen kann man bewusst und gezielt
einsetzen, um einen verängstigten, beunruhigten oder aufgebrachten Menschen
in einen Normalzustand zurück zu bringen. Lasst ihn seine Augen schließen
und Eueren Puls an der Innenseite des Handgelenks fühlen. Atmet dabei sehr
ruhig, entspannt, fließend, aber deutlich hörbar für Eueren Gegenüber. Mit
Hilfe der Atmung reduziert Ihr Euere eigene Pulsfrequenz. Euer Gegenüber
bekommt dies über den Tastsinn mit, außerdem hört er Euere Atmung klar und
deutlich. Dadurch beruhigt sich seine Atmung und sein Puls bzw. Herzschlag.
Er entspannt sich und kann sich wieder fassen.
(aw)
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